MotoPorträt #2 – Philosophieren mit Polly

MotoLiebe • MotoPorträt No 2 – Philosophieren mit Polly

Polly hat seit ihrer Kindheit zwei Lebensträume – ein Pferd besitzen und ein Mal mit einer Harley Davidson auf dem Highway 1 durch Kalifornien zu reisen.

Nach meinem Interview mit Minya habe ich nun das Vergnügen mit Polly (39) aus Hamburg. Sie fährt seit dieser Saison Motorrad und ist somit ein Jungspunt unter uns Motorradfahrerinnen. Vom ersten Kilometer an, schreibt sie auf ihrem Blog Pollys Reisen über ihre Motorradtouren und was sie sonst noch im Leben bewegt.

Polly lebt ihren Traum vom Motorradfahren. Ihre Texte sind voller bildhafter Leichtigkeit und man schwebt gemeinsam mit ihr und ihrem Chopper über die Landstraßen hinweg.

Wer genussvoll fahren möchte, braucht viel Leidenschaft.

Was bedeutet es dir, Motorrad zu fahren?

Mit dem Motorradführerschein habe ich mir in diesem Sommer 2015 einen Lebenstraum erfüllt. Nach meinem Führerschein der Klasse 3 habe ich 20 Jahre gewartet, bevor ich nun endlich nachgeholt habe, was ich mir damals schon gewünscht habe. Wenn man 20 Jahre einen Traum hegt, sich diesen schließlich erfüllt und sich das auch noch als genau richtig erweist, dann hat das Ganze einen ganz besonderen Wert. Entsprechend sorgsam und sensibel gehe ich damit um. Meine PJV, Petite Jolie Vulcan, wird liebevoll umsorgt. Und auch die Aktivität an sich, also das Fahren selbst, gestalte ich immer als besonderes Event.

Egal ob ich eine kurze Strecke fahre, um mich mit einer Freundin zu treffen, oder ob ich den ganzen Tag unterwegs bin, ich verneige mich jedes Mal innerlich vor dem Glück, das ich habe. Ich tue alles dafür, dass mir dieses Glück niemand nimmt.

Was waren bislang deine schönsten Motorraderlebnisse?

Jede Fahrt ist ein Fest für mich. Die unschönen Erlebnisse lassen sich knapper zusammenfassen.

Natürlich war der erste Moment grandios. Kilometer 0 bis 11, als ich eine Stunde nach Bestehen der Führerscheinprüfung meine PJV beim Vertragshändler abholte, aufstieg und merkte, dass ich es kann. Dass ich in der Lage bin, das Bike zu fahren, das ich mir so sehr gewünscht hatte.

Und dann war es natürlich meine Reise nach Frankreich. Ich hatte 19 Tage zwischen Prüfung und Abreise und habe mir tatsächlich einen kleinen Trainingsplan aufgestellt, den ich emsig verfolgt hatte. Am 12. September habe ich dann meine PJV gepackt und bin losgefahren. 500 Kilometer waren mein Ziel für den ersten Tag. Als ich 11 Stunden später nach 700 Kilometern in Frankreich über die Grenze rollte, habe ich gedanklich im Champagner gebadet.

Und dann war da noch mein erstes Bikertreffen. Mit fast 30 Motorrädern sind wir die rund 100 Kilometer nach Évreux gefahren. Die meisten Bikes kamen aus der amerikanischen Kultfabrik. Wir sind ganz gemütlich über die Landstraßen gecruised. Mein französischer Frank vorweg, ich direkt hinter ihm und in meinem Rückspiegel eine unendliche Schlange posender Harley-Fahrer. Ich muss jetzt schon wieder lachen, wenn ich daran denke. Da lacht das Chopperinnen-Herz.

Welche Dinge sind dir als Fahranfängerin beim Motorradfahren besonders wichtig?

Das Motorradfahren ist ein sehr persönliches Hobby. Menschen fahren aus völlig unterschiedlichen Gründen und entsprechend gibt es Motorradtypen für jeden menschlichen Charakter. Mir ist es wichtig, jeden Fahrer in seiner Motivation zu respektieren und zu unterstützen. Ich fühle mich gut, wenn ich mit Menschen zusammen bin, die mich in meiner Philosophie verstehen und unterstützen. „Wenn du einen 300 Kilo Cruiser ohne ABS fährst, dann bedenke bitte, dass du beim Bremsvorgang…. blablabla…“ So etwas ist hilfreich.

Zu Anfang habe ich so manchen Lacher geerntet, als ich während meines Autobahntrainings auch tagsüber mit meiner kleinen gelben Warnweste rumgefahren bin. Das ist vielleicht uncool, dient aber der Sicherheit. Aber man fühlt sich nicht besser, wenn man dafür noch belächelt wird. Mir nimmt es die Angst davor, von einem Porsche umgerissen zu werden und ich kann mich besser auf das Fahren konzentrieren. Also mache ich es richtig.

Kurz gesagt, als Fahranfänger möchte ich auf meinem ganz persönlichen Weg unterstützt werden. Dazu gehört Kritik, Bestätigung und Motivation. Und wer eigentlich nur kundtun will, wie toll er sich selbst findet, und mir seine Meinung aufdrücken will, dem höre ich nicht zu. Und wer sich jetzt wundert – das ist mir häufig passiert. Die besten Lernerfolge hatte ich bei gemeinsamen Ausfahrten mit Leuten, die so sind wie ich.

Hattest du auf dem Motorrad schon mal brenzlige Situationen? Welche?

Nein. Ich war (klopft auf Holz) noch nie wirklich in Gefahr.

Ich glaube, das liegt auch mit an meiner wirklich defensiven Fahrweise. Einmal hat eine linksstehende Autofahrerin beim zweispurigen Abbiegen den Fahrstreifen gewechselt und hätte mich gerammt, wenn ich nicht schon beim Anfahren einen Moment gewartet hätte und sie damit vor mir gelandet ist.

Irgendwie hilft da meine langjährige Erfahrung als Autofahrerin. Man entwickelt bereits einen Sinn für solche Situationen. Ich bin dann aber auch so entspannt auf meiner PJV, dass ich es mit einem Schulterzucken abtue. Das Bike ist Zen pur.

Ich wiederhole auch regelmäßig die Grundfahraufgaben aus dem Fahrschulunterricht. Vor allem am Anfang, habe ich das nach fast jeder Tour gemacht. Zwischen der kleinen Kawasaki ER6 und meiner PJV gibt es doch enorme Unterschiede, insbesondere im Lastwechsel und im Bremsverhalten.

Du fährst derzeit eine Kawasaki Vulcan 900. Warum hast du dich für einen Chopper entschieden?

Ich möchte cruisen und die Landschaft genießen. Ich bin ein absoluter Naturfan. Ich möchte den Wald riechen und den Wind spüren. Möchte irgendwo anhalten, Fotos schießen und dann weiter fahren. Ich möchte meinem Partner zulächeln und Gemeinsamkeit erleben. In meinem Blog formulierte ich schon häufig: „Meine Vulcan trabt fröhlich voran.“ oder Ähnliches. Genau so fühlt es sich an, einen Chopper zu fahren.

Woher kommt der Traum, ein Mal mit einer Harley auf dem Highway 1 durch Kalifornien zu reisen?

Keine Ahnung. Echt nicht. Der war irgendwie schon immer da. Vielleicht aus dem Fernsehen. Als Kind habe ich viel Zeit bei meiner Oma verbracht und wir haben oft Naturfilme geschaut. Am liebsten mochte ich Alaska und Kanada. Vielleicht kam da auch mal Kalifornien vor? Ich weiß es nicht.

Ich bin dann ein Mal mit dem Auto dort gewesen. Das ist eine tolle raue, felsige Küste, die durchaus sehenswert ist. Aber wie soll ich denn meine PJV da mit hinnehmen? Das muss sie doch miterleben!

Du hast leider kein eigenes Pferd mehr. Ist für dich ein Motorrad ein guter „Ersatz“?

Nein. Für dieses einzigartige Zauberfeenpferd gibt es auf dieser Welt keinen Ersatz. Aber ja, ich verliere in meinem Blog öfter mal ein paar Worte zu meiner kleinen Stute und ich tätschele meiner PJV auch lobend den Tank. Das biken ist für mich eine Tätigkeit, die meinen Ausflügen zu Pferd nahe kommt. Vielleicht waren das auch deshalb meine zwei Lebensträume. Beide machen auf eine ähnliche Weise glücklich.

Was ist das Besondere beim gemeinsamen Fahren mit anderen Motorradfahrerinnen?

Das Vergnügen hatte ich leider noch nicht so häufig. Ein Mal hat es wirklich gestimmt. Ansonsten bin ich allein oder mit Männern unterwegs gewesen. Oder in gemischten Gruppen. Ich würde aber gern mehr Damen kennen lernen. Motorradfahrerinnen, die so sind wie ich, genießen auch wie ich. Es ist im besten Falle eine stille Einigkeit.

Ich glaube, beim gemeinsamen Biken reden selbst Frauen wenig. Sie sind auch weniger damit beschäftigt, sich zu präsentieren und ihr technisches Know-how kundzutun. Ich merke schon an den Reiseblogs von Meinesgleichen, dass eine ganz andere Art der Berichterstattung erfolgt. Ich freue mich dann und hoffe, mein Frauennetzwerk hier in Deutschland noch weiter ausbauen zu können.

Für was begeisterst du dich noch, neben dem Motorradfahren?

Hm. Für viele Dinge. Bücher, Musik, Scottisch Country Dance, Swing tanzen, Schreiben, Schlafen, Liebe, Kaminfeuer, Essen, Tiere, Fotos, gute Gespräche, Lernen.

Was würdest gern den Frauen sagen, die sich nicht aufs Motorrad trauen?

Sie sollen es lassen. Angst ist der schlechteste Begleiter auf einem Motorrad, egal ob als Fahrerin oder Sozia. Frauen, die von ihrem Männern gedrängt werden, den Führerschein zu machen, damit man mal romantisch zusammen fahren könnte, fühlen sich auch oft nicht wohl in ihrer Rolle. Wer genussvoll fahren möchte, braucht viel Leidenschaft.

Ich würde auch niemals jemanden überreden, indem ich sage, sie würde tolle Momente verpassen oder sich daran gewöhnen. Entweder sie bekommt Lust, weil sie sich mit der Sache beschäftigt und die Neugier irgendwann größer ist, als die Angst.

Oder sie findet etwas anderes, was sie glücklich macht. Eine Freundin in Frankreich hat ein paar Mal versucht, mit ihrem Mann mitzufahren. Aber ihr Angst war für beide nur Stress. Nun trifft sie uns abends zum Essen und verbringt so einen schönen Tagesabschluss mit uns. Da haben dann alle etwas davon.

Weitere MotoPorträts – Motorradfahrerinnen im Interview:
>> MotoPorträt #1 – Interview mit MotoMinya
>> MotoPorträt #3 – Sandra & ihre Bikes
>> MotoPorträt #4 – Gaby On The Road
>> MotoPorträt #5 – Gschichtn Erzählerin Kathinka
>> MotoPorträt #6 – Tina und ihre Dirtgirls
>> MotoPorträt #7 – Sandra & MF Veterano

© Das für den Artikel verwendete Foto wurde mit freundlicher Genehmigung von Polly zur Verfügung gestellt.

Andrea|MotoLiebe
Geschrieben von Andrea|MotoLiebe
Kopf & Herz von MotoLiebe
Kommentare

5 Kommentare zu “MotoPorträt #2 – Philosophieren mit Polly

  1. Das ist so schön geschrieben! Ich habe direkt am Tisch bei Euch dabeigesessen!
    Ihre Geschichte ist echt toll, ich bin erst vor ein paar Tagen auf sie gestoßen (worden :) ) und war sofort total angetan. Ich werde bei ihr noch viel zu lesen haben.

    Klasse, weiter so! Ich bin schon unheimlich auf das dritte Interview gespannt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *