MotoPorträt #3 – Sandra & ihre Bikes

MotoLiebe • MotoPorträt No 3 – Sandra & ihre Bikes

Sandra wurde schon als 3-Jährige auf einem Motorrad zum Kindergarten gefahren. Damals noch als Sozia auf dem Motorrad ihrer Mutter – heute besitzt sie selbst zwei Motorräder.

Ob Rennmaschinen, Enduros oder Cross-Maschinen – Sandra (33) hat bereits so einige Motorräder getestet und weiß die Eigenheiten jeder einzelnen Maschine zu schätzen. Mit 16 durfte sie während eines Auslandsaufenthaltes selbst mal ein Motorrad lenken und hat sogleich ihre ersten Fahrstunden absolviert. Ihren Motorradfühererschein besitzt Sandra seit August 2006 und macht seither nicht nur ihre Heimatstrecken im Taunus unsicher.

In ihrem Blog berichtet sie unter anderem über ihre Motorradtour auf Mallorca, ihren Erfahrungen beim Supermoto-Lehrgang für Einsteiger und natürlich über ihre Testfahrten mit neuen Bikes.

An dieser Stelle muss ich es einfach mal loswerden: Motorräder werden in der Regel für Männer mit einer Körpergröße um die 1,80 m konzipiert. Ich mit meinen 1,68 m und Stummelbeinchen beneide Sandra um ihre hohe Gestalt und noch mehr um ihre langen Beine. Die machen sicher nicht nur optisch was her, sondern wären mein absoluter Traum als Motorradfahrerin! Die Vorteile und Nachteile – und einiges mehr – wird Sandra nun im Interview verraten. Here we go!

Egal wie sehr man sich über etwas ärgert, was einen fertig macht oder beschäftigt, auf dem Bike ist das alles weg.

Deine Eltern fahren selbst Motorrad. Wie ist es, in einer motorradfahrenden Familie aufzuwachsen?

Hmmm, eine gute Frage. Reiten und Motorrad fahren, das hat schon mein Großvater gemacht. Ich würde sagen, es ist eigentlich total normal. Da ich es nicht anders kenne, kann ich es mir auch gar nicht anders vorstellen. Es ist wahrscheinlich genauso, wie in einer Familie, die kein Motorrad fährt. Sicher hat jede Familie „ihr Ding“. Bei den einen ist es Campen, die anderen angeln oder klettern, manche stehen auf Modelleisenbahnen. Bei uns ist es glücklicherweise das Motorradfahren. Ich bin meinen Eltern ehrlich gesagt auch sehr dankbar, denn Angeln oder Modelleisenbahnen wären – bei allem Respekt – schrecklich öde für mich. Aber jedem das Seine.

Auch dein Mann ist Motorradfahrer. Wie kommuniziert ihr während der Fahrt?

Gedankenübertragung wäre wohl unsere einzigste Möglichkeit – Kommunikation währen der Fahrt ist für mich wie Labern in der Disco. Ich mag’s gar nicht. Wir sind beide ein großer Fan vom „Fresse halten“ während der Fahrt. Wir genießen die Anwesenheit des Anderen beim Fahren, trotzdem aber auch das Gefühl, etwas für sich zu sein, sodass jeder seinen Gedanken nachhängen kann.

Motorrad fahren weckt einfach ein einmaliges Gefühl in mir. Ich glaube, Gelaber würde das nur zerstören. Lieber höre ich Musik beim Fahren. Wenn wir uns wirklich mal besprechen müssen, zum Beispiel wegen der Strecke, dann wird kurz rechts ran gefahren.

MotoLiebe • MotoPorträt No 3 • Interview mit einer Motorradfahrerin • Sandra & ihre Honda-Dominator
Sandras 2. Bike (neben ihrer R1 „Chantal“): Honda-Dominator aka „Domi“ – ein Geschenk ihrer Mutter

Du bist 1,86 m groß. Welche Vor- oder auch Nachteile hat das beim Motorradfahren?

Hmm, das ist echt ein zweischneidiges Schwert. Ein „riesen“ Vorteil besteht sicher darin, dass ich mich zum Knieschleifen noch nicht mal in die Kurve legen muss, ich kann einfach die Beine hängen lassen. (grinst)

Ok, ernsthaft. Was ich super finde ist, dass es eigentlich kein Bike gibt, das mir zu groß ist, was viele Frauen ja haben. Ich habe meine R1 ja sogar extra noch höher gelegt. Die Rasten müssten allerdings noch etwas nach unten. Das bringt mich zu den Nachteilen. Ich muss mich teilweise ganz schön zusammenfalten. Somit gibt es eher Bikes, die mir zu klein sind. Auf einer Monster würde ich sicher aussehen wie eine Gottesanbeterin, die ihr Opfer verspeist. Das Bike würde einfach unter mir verschwinden, das war zumindest mein Gefühl, als ich mal probegesessen habe. Bei den alten Ducatis hätte ich die Knie hinterm Ohr, das ist echt nicht gut für den Rücken. Das Problem habe ich jedoch bei den neuen Rennmaschinen nicht mehr, da hat sich einiges getan.

Und Lederkombis… die sind ein echtes Problem. Von der Stange bekomme ich eigentlich nix, ohne rumzulaufen wie Steve Urkel. Die Motorrad-Bekleidungsindustrie hat wohl noch nicht auf dem Schirm, dass es auch Frauen über 1,80 gibt, die das Leder nicht nur im Keller tragen.
Aber tauschen möchte ich eigentlich nicht, denn insgesamt überwiegen einfach die Vorteile, wenn man als Frau so groß ist.

Welche Tipps hast du für große (angehende) Motorradfahrerinnen?

Ladies, kauft Euch Knieschleifer! (lacht)

Nein, ich denke wir haben die gleichen Probleme wie kleine Frauen, nur umgekehrt. Ganz wichtig finde ich, dass das Bike zu einem passt. Sowohl von der Art her, als natürlich vor allem von der Größe. Als große Frau sollte man echt schauen, dass das Bike nicht zu klein ist. Allein das Handling macht eine Menge aus, finde ich. Vergleichbar mit einem Erwachsenen der versucht, Dreirad zu fahren… ist immer irgendwie komisch, wackelig nicht ganz rund und sieht auch so aus.

Und achtet beim Leder echt auf die Passform. Wenn man schnell unterwegs ist, sollte man definitiv eine Lederkombi haben. Das Leder ist eure zweite Haut, das muss richtig richtig gut sitzen. Kommt nicht auf die Idee aus Verzweiflung eine Herrenkombi zu kaufen, das passt nie, weil die Jungs einfach ganz anders gebaut sind. Deswegen wird meine nächste Kombi wahrscheinlich eher eine Maßanfertigung oder zumindest werde ich eine Stangenkombi anpassen lassen müssen.
Und die Kombi darf nicht zwicken. Eine gute Kombi sitzt eng und ist trotzdem bequem.

Du hast bereits einige Bikes getestet. Auf was achtes du bei einem Motorrad besonders?

Auf das Handling. Ein Bike ist wie eine gute Lederkombi, es muss einfach genau passen. Die Maschine muss sich vom ersten Aufsitzen an wie „zu Hause“ anfühlen. Wenn ich das Gefühl nicht habe, ist es nicht meins. Da bringt es auch nichts, sich damit rumzuquälen in der Hoffnung, dass das noch wird.

Welches Motorrad würdest du derzeit gern einmal testen und warum?

Da gibt es ehrlich gesagt gleich drei. Mein Traum wäre zum einen, die neue R1 als Dauertest. Sie ist und bleibt nun mal mein absoluter Favorit. Kurz getestet habe ich sie ja schon, aber das reicht mir natürlich nicht und war eh viel zu kurz.

Dann die Africa Twin mit dem Doppelkupplungsgetriebe, weil derzeit so ein Hype um sie gemacht wird, dass ich einfach neugierig bin und es in mir das Gefühl ausgelöst hat „Mennooo ich will auch mal“.

Und last but not least, die BMW R nineT als Scrambler-Umbau mit schööönen fetten Stollenreifen – weil sie mir vom Design her unglaublich gut gefällt und mich interessiert, wie sie sich im Alltag und vielleicht auch abseits der Piste fährt.

Welche technische Dinge sollten deiner Meinung nach Motorradfahrerinnen unbedingt wissen?

Jede Bikerlady sollte in der Lage sein, einen Ölwechsel und einen Reifenwechsel an ihrem Bike vorzunehmen. Man sollte wissen, wie man die Kette spannt, ob die Spannung stimmt, wo die Zündkerzen und die Batterie sitzen und wie man dran kommt.

Außerdem kann man sein Bike nie gut genug kennen. Wenn man mal irgendwo hängt und es ist was am Bike, kann man die Situation viel eher abschätzen, ob man stehen bleiben muss, oder ob man noch weiter fahren kann. Man bekommt ein besseres Verständnis davon, wie die eigene Maschine tickt. Das gibt einem ein beruhigendes Gefühl, finde ich.

Welchen besonderen Motorrad-Moment würdest du gern erneut erleben?

Unseren Bike-Trip diesen Sommer ins Mallorquinischen Gebirge. Als wir ans Cap Formentor, den nördlichsten Zipfel Mallorcas, gefahren sind. Der Blick, die Gerüche und das Gefühl, das alles auf einem Motorrad zu erleben, das war einfach überwältigend.

Was bedeutet Lebensqualität für dich persönlich als Motorradfahrerin?

Die Freiheit zu haben, Zeit auf und mit meinen Bikes zu verbringen. Das ist für mich unbezahlbar und mit nichts zu vergleichen. Ich habe auf der Arbeit sogar Stunden reduziert, um mehr Zeit für mich und mein Hobby zu haben. Egal wie sehr man sich über etwas ärgert, was einen fertig macht oder beschäftigt, auf dem Bike ist das alles weg. Dieses Gefühl kann man nicht kaufen. Das ist für mich absolute Lebensqualität.

Auf welchen Motorrad-Events und Messen wird man dich 2016 antreffen?

Da habe ich einiges vor! Im Januar möchte ich zur Motorradwelt Bodensee, im Februar die Berliner Motorradtage – ich hoffe wir sehen uns da? Im März ist die Intermoto Saarbrücken. Im April gibt’s bei uns das traditionelle Anfahren auf dem Feldberg und im Mai will ich mich zu den Mototourer Enduro Days anmelden und das Erzberg-Rodeo besuchen.

Außerdem möchte ich die Jungs und Mädels vom Supermoto Ü40-Cup bei einigen Rennen des Supermoto-Cups besuchen und über das was sie dort erleben berichten. Weiter bin ich bisher mit meinem Planungen noch nicht gekommen.

Weitere MotoPorträts – Motorradfahrerinnen im Interview:
>> MotoPorträt #1 – Interview mit MotoMinya
>> MotoPorträt #2 – Philosophieren mit Polly
>> MotoPorträt #4 – Gaby On The Road
>> MotoPorträt #5 – Gschichtn Erzählerin Kathinka
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© Die für den Artikel verwendeten Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von Sandra zur Verfügung gestellt.

Andrea|MotoLiebe
Geschrieben von Andrea|MotoLiebe
Kopf & Herz von MotoLiebe
Kommentare

3 Kommentare zu “MotoPorträt #3 – Sandra & ihre Bikes

  1. Oh, das ist schön geschrieben und schön beschrieben! Uns große Mädels haben die Hersteller allesamt nicht auf dem Plan. Da etwas wirklich passendes zu finden, ist echt schwer. Manchmal muß frau sich da Dinge dann zusammenstoppeln. Hose für Frauen, Jacke für Männer und so weiter. Denn entweder sitzt die Hose nicht, oder die Ärmel sind viel zu kurz, während man noch eine zweite von uns unter den Bauch der Jacke stopfen könnte.
    Mir geht es auch so, daß ich, wenn ich auf anderen Motorrädern fahre, das Gefühl habe, das Ding unter mir schaut aus wie ein Clownsmotorrad. Mit sowas fühlt frau sich nicht wohl, abgesehen davon, daß sie auch auf die Dauer nicht darauf sitzen kann.

    1. Clownsmotorrad! *lach* Wenn die Sandra und du, liebe Minya, ein paar cm übrig habt, dann immer her damit! Dann kann ich mir endlich – ohne Bedenken – die GSXR von meinem Freund schnappen. ^^
      Und noch etwas müssen die lieben Hersteller von Motorradklamotten berücksichtigen: Es gibt Frauen mit Hüften!

      1. Och ja, so zehn Zentimeter würde ich ohne Weiteres abtreten können… Dann wäre ich immer noch groß.
        Bei der Motorradkleidung – aber nicht nur bei der – würde ich zu gerne mal wissen, wie der Standardmensch so aussieht, den die Schöpfer dieser Kleidung vor ihrem geistigen Auge hatten bei ihrem Schöpfungsakt. Wenn ich im „normalen“ Leben zum Beispiel Mäntel anprobiere, dann sieht das oft aus wie Tonne auf Stelzen. Furchtbar.

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