MotoPorträt #6 – Tina und ihre Dirtgirls

MotoLiebe • MotoPorträt No 6 – Tina und ihre Dirtgirls

Rallyefahrerin, Dranbleib-Expertin, Business-Coach und Finanzbeamtin – all das ist Tina. Mit ihrer Seite „Dirtgirls“ möchte sie noch mehr Frauen fürs Offroadfahren begeistern.

Einfache Wege beschreiten kann jeder. Das wird sich Tina (44) schon früh gedacht haben. Sie fährt Motorrad erst heimlich, ohne das Wissen der Familie, und später als Offroad-Coach für Frauen. Ganze 4 Mal war sie bei der Rallye Dakar dabei – der berühmtesten Langstrecken-Wüstenrallye der Welt!

Rallye Dakar bedeutet täglich über 800 Kilometer durch sandiges Gebiet zu fahren. Hitze und Geschwindigkeit werden von den zum großen Teil aus Amateuren bestehenden Teilnehmern oft unterschätzt und es kommt immer wieder zu schweren Unfällen. Geschick und Durchhaltevermögen sind überlebenswichtig.

Von ihrem fahrerischen Können und ihrer Erfahrung als Dranbleib-Expertin profitieren auch die Teilnehmerinnen der Dirtgirls-Touren.

Offroadfahren ist eine großartige Metapher und Gelegenheit, für die Herausforderungen, die das Leben bietet, zu üben.

Deine Uroma fuhr bereits Offroad. Wann und wie hat dich die Faszination fürs Fahren im Gelände gepackt?

Als ich 16 war hatten einige meiner Freunde kleine 80er Enduros und ich war total angefixt. Da meine Eltern mir nicht erlaubten, den Führerschein zu machen und mir eine 80er zu kaufen, bin ich heimlich gefahren… und das ging nur Offroad auf Feldwegen. Dabei bin ich dann auch geblieben, als ich mir mein erstes Motorrad, eine Yamaha XT 500 gekauft und meinen Führerschein gemacht hatte.

Viele XT-Fahrer trafen sich zu Stammtischen und organisierten sich gegenseitig Ausfahrten, die in Anlehnung an die Rallye Dakar mit Roadbook und auf unbefestigter Wegstrecke gefahren wurden. Hier habe ich meine Passion für die Navigation entdeckt. Ich mag diesen Schnitzeljagd-Aspekt, wo es nicht nur auf die Geschwindigkeit ankommt.

Welche Motorräder bist du – neben deiner Enduro – schon gefahren?

Ich komme gerade aus Thailand, wo ich bei der GS Trophy als Storyteller für das erste internationale Damenteam dabei war. Das waren meine ersten Kilometer auf einem Motorrad, das nicht so eine typische Enduro ist, wie ich sie ansonsten fahre. Die R 1200 GS ist erstaunlich agil im Gelände und super angenehm auf der Straße zu fahren. Sobald sie fährt, lässt sie sich ganz leicht dirigieren, beim Parken merkt man dann aber doch das doppelte Gewicht – im Vergleich zu meinen kleinen Enduros.
Ansonsten bin ich nur Enduros oder meine Rallyebikes gefahren.

Inwieweit unterscheidet sich das Fahrgefühl auf einer Enduro von dem auf einem Naked Bike?

Da ich noch nie ein Naked Bike gefahren bin, kann ich nur Vermuten, dass der Unterschied vor allem bei der Sitzposition beginnt. Auf der Enduro fahre ich außerdem vor allem im Stehen.

Seit wann gibt es deine Dirtgirls und warum möchtest du vor allem Frauen für das Offroadfahren begeistern?

Die Dirtgirls gibt es seit 1999, als meine Schwester, eine Freundin und ich einen Namen für unser Team bei einer XT-Orientierungfahrt brauchten. Meine Website dirtgirls.de habe ich dann in 2005 begonnen, um meine Erlebnisse zu teilen und später dann die Berichterstattung meiner Rallyes dort zu veröffentlichen.

Mir und meiner Schwester ist es immer leicht gefallen, die Angebote zu nutzen, die es für Offroadinteressierte gibt. Ich habe aber auch viele Frauen getroffen, die sich nicht getraut haben, einfach mitzumachen. Das wollte ich ändern. Meine Girls Camps sind für die Frauen gedacht, die sich fürs Offroadfahren interessieren, sich aber noch nicht an die „normalen“ Angebote heran trauen. Bei den Girls Camps können sie in einem wertschätzenden Rahmen mit gleichgesinnten Frauen trainieren und ihr Selbstvertrauen aufbauen.

Offroadfahren ist eine großartige Metapher und Gelegenheit, für die Herausforderungen, die das Leben bietet, zu üben. Fehler machen gehört dazu, hinfallen ebenfalls. Wichtig ist es, die Fehler als Helfer zu nehmen und wieder aufzustehen. Standortbestimmung, Wege sehen und Entscheidungen treffen, welche man geht. Und mit Hindernissen die auftauchen, umzugehen. Auch Teamwork gehört dazu. Offroadfahren lehrt auch, mit seinen Ängsten umzugehen und dann festzustellen, dass der größte Drache in einem selbst steckt. Und die Werkzeuge, ihn zu besiegen ebenfalls schon in mir stecken.

Die Teilnehmer deiner Workshops und Motorradreisen sind mehr als zufrieden. Was ist dein Geheimnis?

Ich denke, das Geheimnis sind die Teilnehmerinnen selbst. Sie sind neugierig und lassen sich auf meine Ideen ein. Dabei entdecken sie, dass sie die Stärken bereits in sich haben. Ich schaffe nur den Raum für diese Entdeckungen. Diese Aha-Momente mit anderen Frauen zu teilen und dabei per Bike oder Storytelling mitten im Erlebnis zu sein, führt zu sehr innigen Erlebnissen, wertschätzendem Miteinander und viel Verbundenheit.

Viele meiner Teilnehmerinnen kommen regelmäßig wieder und das Dirtgirls-Netzwerk wächst stetig. Im „Dirtgirls LoveLetter“ teilen die Girls ihre Erlebnisse mit den anderen und ermutigen so die Girls im Netzwerk, sich auch zu trauen und ihre Komfortzone regelmäßig zu erweitern.

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Tina beim ihrem Workshop „Hindernisse“

Du hast mit den Dirtgirls schon viele Länder bereist. Welche sind deine bisher schönsten Reiseerinnerungen?

Das Schönste an den gemeinsamen Dirtgirls-Reisen ist es für mich, dass es immer eine Reise mit Freunden ist. Wir entdecken gemeinsam die Länder, wir überlegen gemeinsam, wohin wir als nächstes wollen und manchmal schaffen es die Touren gar nicht auf die Webseite, weil sie vorher schon ausgebucht sind. Dann kann man erst anhand der Bilder auf meiner Facebook-Seite sehen, dass wir unterwegs sind.

Welche körperlichen und geistigen Voraussetzungen sollte ein Teilnehmer einer solch gefährlichen Rallye mitbringen?

Als Teilnehmer empfindet man die Dakar nicht als gefährlicher, als alle anderen Rallies oder Veranstaltungen. Sie hat nur mehr Medienpräsenz. Ich persönlich fahre nicht auf der Straße, weil ich das deutlich gefährlicher finde. Das liegt daran, weil die Unfälle oft aufgrund der Unaufmerksamkeit Anderer passieren. Für die Rallye bereiten wir uns alle optimal vor. Es ist ein kalkuliertes Risiko, und kein Himmelfahrtskommando.

Da ich nicht gewinnen wollte, war es für mich vor allem das Herz-Kreislauf-Training wichtig. 14 Tage 12-14 Stunden täglich auf dem Bike körperlich durchzuhalten war eine große Herausforderung. Mental benötigt man vor allem die Fähigkeit, sich trotz aller auftauchenden Hindernisse immer wieder auf das Ziel zu fokussieren. Das ist für mich eine Art aktive Meditation. Während ich fahre immer im Hier und Jetzt zu sein, da ansonsten Stürze drohen.

„Nichts riskieren und jeden Tag heil ins Ziel“ erhöht die Chancen enorm, am Ende auch das Ziel der Rallye zu erreichen. „Nichts erleben“, weil erleben immer bedeutet, dass ein Problem auftaucht, was gelöst werden muss. Und am Ende auch jeden Moment genießen, egal, ob es grade weh tut oder man denkt, eigentlich kann ich nicht mehr, denn die Rallye ist die Belohnung dafür, dass man die Vorbereitung geschafft hat. Tatsächlich am Start zu stehen ist die viel größere Herausforderung.

MotoLiebe • MotoPorträt No 6 – Tina und ihre Dirtgirls • Throw Your Heart In Front And Jump Into Adventure
… Kann man so stehen lassen. :-)

Was sind deine größten persönlichen Herausforderungen bei der Rallye in Dakar gewesen?

Die größte persönliche Herausforderung für mich war die Krebserkrankung meiner Mutter. Ich musste eine Balance finden, zwischen den Zielen, die ich mir gesetzt hatte, den Zusagen, die ich meine meinen Sponsoren und Partnern gemacht hatte, meinem Training und der Zeit, die ich mit ihr verbringen wollte. Der Ausfall meines Bikes am 2. Tag der Rallye in 2009 war zunächst eine große Niederlage, doch meine Mutter war glücklich, dass mir nichts passiert war.

Kurz danach ist sie verstorben und ich bin froh, dass ich ihre letzten Wochen mit ihr verbringen konnte. Alle anderen Dinge, die unterwegs auftauchen, sind Herausforderungen, für die eine Lösung gefunden wird. Unlösbar gibt es nicht – nur anders lösbar, als zunächst gedacht.

Du hast sehr viel Erfahrung im Fahren auf bzw. im Sand. Welche Tipps hast du fürs Fahren auf sandigen Straßen?

Was ist eine sandige Straße? Je tiefer der Sand, desto weiter geht das Gewicht nach hinten – im Stehen – und desto mehr Zug am Lenker, so erzeugt man Stabilität und erleichtert dem Vorderrad, seinen Weg zu finden. Die Haltung ist so ähnlich wie beim Wasserskifahren. Gelenkt wir dann nur noch mit Gewichtsverlagerung über die Fußrasten.

Auf welchen Rallyes und Motorradevents wird man dich dieses Jahr antreffen?

Ich war bei der GS Trophy in Thailand. Im Juni werde ich eine EnduRoMania Veranstaltung besuchen. Und die Merzouga Rallye, bei der ich eigentlich dabei sein wollte, wurde von Oktober auf Mai vorverlegt, weil sie jetzt zur Dakar Series gehören. Da habe ich aber schon ein paar Kundinnen, die mit mir nach Rumänien fahren.

Ein paar meiner Kundinnen wollen Rallyefahren und wir sind dabei, zu entscheiden, welche Veranstaltung – neben der Baja Deutschland – für Einsteiger geeignet ist.

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© Die für den Artikel verwendeten Fotos wurden mit freundlicher Genehmigung von Tina zur Verfügung gestellt.

Andrea|MotoLiebe
Geschrieben von Andrea|MotoLiebe
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Kommentare

3 Kommentare zu “MotoPorträt #6 – Tina und ihre Dirtgirls

  1. Wie spannend!!!!
    Da fange ich gleich wieder zu denken und zu philosophieren an.. … … *grübel grübel*
    In all diesen Tipps für das Fahren in schwierigem Gelände erkenne ich auch das Konzept für das Durchhalten in schwierigen Alltagssituationen. Wenn du mit dem Hintern in der Sch… steckst, dann reiß dich am Riemen, gib Gummi und genieße die Stabilität im Vorankommen…

    Gut dass ich am Wochenende selbst eine lange Piste vor mir habe, da werde ich noch viel über dieses Interview nachdenken.

    Danke Andrea, dass Du wieder eine Farbe mehr in das Damen-Kaleidoskop gebracht hast!

    P.S.: Und was für eine wunderschöne Frau die Tina ist!
    P.P.S.: Nichts riskieren, nichts erleben… als Erfolgsformel *denk denk* ;-)

  2. Ich stecke meine Erlebnisse mindestens ein Stockwerk tiefer. Für mich kann es schon ein Erlebnis sein, mich neuen Anforderungen zu stellen. Wie zum Beispiel dem Zelten im letzten Jahr. Das haben schon ganz viele Leute vor mir gemacht und geschafft, aber für mich war es zunächst eine Überwindung. Ich weiß, was Tina meint und was das gerade für das gesunde Ankommen heißt. Bei mir geht es allerdings bislang noch ziemlich alltagskonform zu. Ich ziehe meinen Hut, so tief ich nur irgend kann, vor Leuten wie ihr, die sich in derartige Abenteuer stürzen. Und wenn es für sie lediglich ein kalkuliertes Risiko ist, so gehört Übung, viel Übung dazu, an diesen Punkt zu kommen.
    Donnerwetter, Klasse!

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